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Schreiben - ein Beruf wie jeder andere

 

Herr Heinrich, Sie sind gebürtiger Heidelberger, seit Jahren leben Sie hier in Bühlertal im Schwarzwald, nicht allzu weit von Heidelberg entfernt, jedenfalls im nordbadischen Raum. Ist es richtig, von so etwas wie Heimatverbundenheit zu reden, brauchen Sie diese Landschaft, diese Region?

 

Ich kann in der Tat in einer anderen Landschaft nicht arbeiten, ich bin angewiesen auf eine mir vertraute Umgebung, die keine Umstellung erfordert. Ich könnte zum Beispiel nie nach Spanien oder Südfrankreich übersiedeln, ein so andersartiges Milieu würde mich nur ablenken, es würde mein Unterbewusstsein, das eine wesentliche Rolle bei meiner Arbeit spielt, Belastungen aussetzen, die sich nur negativ auswirken könnten. Mein jetziger Wohnort ermöglicht es mir überdies, ungestört zu arbeiten; ich bin relativ schwer auffindbar und nur wer es unbedingt will, findet hierher.

 

Bedeutet dies nicht doch in gewissem Sinne eine Flucht aus der Gesellschaft, wie ein freilich nicht eben wohlwollender Journalist Ihnen unlängst vorwarf?

 

Es handelt sich allein um ein Problem der Arbeitsmethodik. Mit Gesellschaftsflucht hat das überhaupt nichts zu tun. Mein Bekanntenkreis ist im Laufe der Jahre fast unübersehbar groß geworden und erstreckt sich durch alle sozialen Schichten hindurch. Ich lebe menschlich keineswegs in einer Isolation. Die Unbefangenheit mancher alter Freunde schwindet freilich, sobald sie es mit einem Erfolgsautor zu tun haben.

 

Vielleicht fürchtet der eine oder andere auch, irgendwann einmal verarbeitet zu werden, wie es ja tatsächlich ab und an im Umkreis schöpferischer Geister vorkommen soll?

 

Dies mag teilweise zutreffen, obwohl solche Befürchtungen in meinem Falle unbegründet sind. Ähnlichkeiten mit konkreten, lebenden Personen sind in meinen Romanen wirklich zufällig dass sie zustande kommen, scheint aber dafür zu sprechen, dass ich wohl ziemlich realitätsnahe fabuliere.

 

Um noch etwas bei Herkunft und Milieu zu bleiben: Gibt es für Ihr Schaffen bestimmende, prägende Kindheits- und Jugendeindrücke?

 

Ich bin durch mein Elternhaus zur Toleranz erzogen worden, ich hatte das positive Beispiel vor allem in der Persönlichkeit meines Vaters vor Augen: Er hielt nach 1933 zu der Familie seines früheren jüdischen Arbeitgebers, auch als er selbst erhebliche Nachteile dadurch hatte.

 

Bücher wie Gottes zweite Garnitur oder Maiglöckchen oder ähnlich mit ihrer vehementen Parteinahme für diskriminierte Minoritäten wären ohne diese Erziehung sicherlich kaum denkbar?

 

Vermutlich nicht, auch möchte ich die schwerwiegenden wirtschaftlichen Probleme meiner Jugendjahre erwähnen. Es war die Zeit der großen Wirtschaftskrise, mein Vater verlor seine Stellung, ich musste auf einen höheren Bildungsweg verzichten, besuchte die einfache Handelsschule, die mir im Gegensatz zur höheren nebenher Berufstätigkeit, und damit erste relative Selbständigkeit, ermöglichte. Als kaufmännischer Lehrling wurde ich, wie damals üblich, ziemlich ausgebeutet, so dass die Einberufung zum Reichsarbeitsdienst fast eine Erlösung war.

 

Sehen Sie auch Spuren davon in Ihren Werken?

 

Ja, als unbewusste Nachwirkung blieb wohl vor allem die Neigung zur Solidarisierung mit abhängigen Leuten. Ich habe mich aber andererseits darum bemüht, auch die als Ausbeuter Empfundenen ohne Ressentiment zu sehen und zu behandeln, weil bei mir eine Tendenz besteht, Minderheiten, die sich ständig in der Schusslinie befinden, auch wenn sie mir persönlich fremd sind, in Schutz zu nehmen. Ich hatte daher auch immer eine Schwäche für die jeweilige Opposition, mochte mich auf die Dauer jedoch mit keiner bestimmten Partei rückhaltlos identifiziere.

 

... was ja wohl wieder mit der Erziehung zur Toleranz zusammenhängt.

 

Zweifellos. Das Verhältnis unserer politischen Parteien zueinander wird ja nicht gerade von Toleranz geprägt und wirkt auf einen liberalen Menschen eher abstoßend als ermutigend.

 

Von zentraler Bedeutung war dann ja, wie bekannt, das Erlebnis des Krieges für Sie?

 

Ich möchte es als unschätzbare Erfahrung nicht missen. Menschliche Eigenschaften, die sonst nicht sichtbar werden, treten in extremen Situationen, zu denen ja auch der Krieg zählt, unverhüllt zutage. Man kommt im Krieg ferner mit allen Bevölkerungsschichten zusammen, wie dies in der Isolation des Arbeitslebens kaum der Fall ist. Als Funker hatte ich auch Gelegenheit, höhere Offiziere in ihren menschlichen Konflikten zu erleben. Die unablässige Todesnähe erzeugte Verbundenheit, allerdings nur in den ersten Kriegsjahren, später, unter den Bedingungen des äußersten Vernichtungskampfes, überwog das Negative, nackter Egoismus, rücksichtsloser Selbsterhaltungstrieb - auch nach dem Krieg war es nicht mehr dasselbe, Wiederbegegnungen enttäuschten und ernüchterten.

 

Sie sprachen mit dem Blick auf den Krieg aber doch einmal von einer verlorenen Zeit

 

Nur in Bezug auf meine durch den Krieg verzögerte schriftstellerische Tätigkeit. Für meine Entwicklung selbst, auch die als Autor, war der Krieg eine wichtige Durchgangsstation.

 

Es war ja auch wohl so, dass eben der innere Zwang, mit dem Kriegserlebnis fertigzuwerden, Sie erst recht an den Schreibtisch drängte?

 

Nicht ausschließlich, es gab Schreibversuche schon vor dem Krieg - und nach 1945 standen zunächst aktuelle berufliche Probleme im Vordergrund. Es erwies sich aber sehr bald, dass das Kriegserlebnis zu übermächtig war, als dass man einem anderen Thema den Vorrang hätte geben können. Ich war jahrelang buchstäblich blockiert, bis ich, 1951 etwa, eines Tages das Loch in der Mauer fand. Zugleich hatte ich mit dem Schreiben ein für allemal den Beruf gefunden, nach dem ich, eher instinktiv als bewusst, schon immer auf der Suche gewesen war.

 

Das Loch in der Mauer war der nachmalige Welterfolg Das geduldige Fleisch, der sich kürzlich nun auch mit Steiner auf der Kinoleinwand wiederholte. Gab es Steiner übrigens, so wie Sie ihn schildern, in Wirklichkeit, als Person?

 

Als Person nicht, er ist eine - wenn auch wohl charakteristische - Kunstfigur, in ihm sind verschiedene Elemente verschmolzen - viele persönliche Beobachtungen und Eindrücke.

 

Es gilt also auch hier, was Sie vorhin schon sagten: Sie kopieren nicht unmittelbar reale Figuren?

 

Das wäre mir zu einfach.

 

Sie haben nach dem Geduldigen Fleisch in Ihren folgenden Romanen das Kriegsthema nicht sogleich verlassen. War die Befreiung von der Last traumatischer Erfahrungen nur unvollkommen, oder welche Gründe hatten Sie, den doch bedrückenden Gegenstand nochmals aufzugreifen?

 

Der Absprung zu zivilen Themen war natürlich schwierig, manchem Kollegen aus meiner Generation ist er nie recht gelungen. Aber es gab noch einen anderen Grund: Ich hatte in der Tat das Gefühl, den Gegenstand wie Sie sagen, nicht komplex genug erfasst und bewältigt zu haben. Das geduldige Fleisch war vielfach missverstanden, ja zur nachträglichen Heroisierung des Geschehenen missbraucht worden. Ich hielt es deshalb für angebracht, meinen wirklichen Standpunkt noch einmal zu verdeutlichen, ich schrieb den zweiten, noch härteren Kriegsroman: Der goldene Tisch (heutiger Titel: In stolzer Trauer).

 

Dann wandten Sie sich der damaligen Gegenwart der Nachkriegsgesellschaft der fünfziger Jahre zu. Waren es da wiederum persönliche Eindrücke und Erlebnisse, die den Anstoß gaben?

 

Ich machte wie viele, die aus dem Krieg heimkehrten, die ernüchternde Erfahrung, dass die meisten Menschen kaum verändert, die Probleme fast dieselben geblieben waren. Frühere Bekannte, die ich weiterdarf, wirkten auf mich, als sei alles spurlos an ihnen vorübergegangen. Dieser bestürzende Eindruck arbeitete in mir weiter, und eines Tages begann ich wie von allein zu schreiben - das Resultat waren Die Gezeichneten. Die Kritik fiel damals ziemlich über mich her, sie schaffte es, mich vorübergehend zu verunsichern - ich zweifelte an meiner schriftstellerischen Fähigkeit, auch Gegenwartsprobleme in den Griff zu bekommen. Ich wurde sozusagen rückfällig und schrieb nochmals über den Krieg: Alte Häuser sterben nicht.

 

Sie entwickelten sich dann aber doch in den sechziger Jahren zu dem bewusst und entschieden gegenwartszugewandten Autor, der Sie bis heute sind.

 

Mit Gottes zweite Garnitur war das Eis endlich gebrochen, das Loch in der Mauer erweitert. Ich hatte aber damals etliche Komplexe zu überwinden, als ich mich an dieses Thema wagte. Glücklicherweise konnte ich schon nicht mehr anders, es ließ mich nicht mehr los.

 

Nicht ich finde das Thema. Die Themen finden mich so, sagten Sie es ja wohl einmal.

Ein Beispiel dafür: Das Thema zu meinem letzten Roman sprang mich geradezu an, riss mich mitten aus der Beantwortung eines Leserbriefes.

 

Herr Heinrich, wir alle wissen: Themen, Stoffe, Erfahrungen, Einflüsse, so entscheidend wichtig sie sind, sie machen noch nicht den Schriftsteller: Wie wird, konkret, ein Buch daraus, in Ihrem Falle?

 

Da ist bei mir, nach der Themenfindung, eine gewisse Zwischenphase, eine mehrwöchige Inkubationszeit wichtig, ein innerer Reifungsprozess, der nicht bewusst, oft sogar hinter heftiger Skepsis und vorübergehender Unsicherheit verborgen, abläuft. Das vielleicht Erwähnenswerte daran: Ich bin immer wieder zurückgekommen auf ein Thema, auch wenn ich in dieser Zeit zweifelnd geworden war.

 

Treiben Sie Vorstudien, recherchieren Sie, sammeln Sie bewusst Material?

 

Ich fülle während der Arbeit nach Bedarf Wissenslücken auf. Es erscheint mir unökonomisch, mich auf Verdacht mit der gesamten informativen Substanz eines Stoffbereichs schon vorab vertraut zu machen, ohne Rücksicht darauf, was ich nachher tatsächlich verwenden kann.

 

Wie verhält es sich aber mit praktischen Erkundungen an Ort und Stelle eines bestimmten Milieus? Von Zola heißt es, er sei auf der Lokomotive eines Zugs zu eben der Zeit auf eben der Strecke mitgefahren, die er in einem seiner Romane wählen wollte - für Germinal lebte er mehrere Monate unter den Bergleuten, trank Bier und Genever mit ihnen, fuhr in den Schacht ein wie sie. Und als Sie Gottes zweite Garnitur schrieben, haben Sie sich, wie man hörte, im Heidelberger US Hauptquartier und in den Kasernen an der Quelle über die spezielle Problematik bei der Army informiert.

 

Wobei, wenn es um so heikle Dinge wie das Rassenproblem in der US-Army geht, kaum wesentliche Informationen zu erhalten sind. Mir kommt dabei zugute, dass ich auf solche Informationen nicht unbedingt angewiesen bin. In der Regel genügt mir ein visueller Eindruck - alles übrige ergänze ich durch Intuition und Fabuliervermögen. Oft bedarf es nur einer einzigen Begegnung mit einem Menschen - etwa einem Topmanager - um das Klima, die Welt, in der er lebt und arbeitet, instinktiv zu erfassen. Ich würde auch in vierzehn Tagen Aufenthalt in den Chefetagen einer großen Fabrik nicht wesentlich mehr aus dem Arbeitsleben erfahren als in einem ausführlichen Nachmittagsgespräch. Selbst das Unausgesprochene vermittelt sich mir dabei auf eine schwer erklärbare Weise. Notwendiges Recherchieren wird mir also nicht nur stark erleichtert, vielmehr oft geradezu erspart durch die Fähigkeit der intuitiven Einfühlung.

 

Das alles vollzieht sich, wenn überhaupt, noch in der Reifungsphase, der Inkubationszeit eines Werkes - wie kommt es zur Niederschrift?

 

Ziemlich plötzlich, und es geht dann auch relativ schnell in einem Zuge weiter, mit einer letzten Besinnungspause nach den ersten zehn Seiten vielleicht.

 

Es gibt von Ihnen eine Äußerung, am Anfang wüssten Sie, was die Handlung angeht, genauso wenig wie der Leser. Heißt das, dass Hergang und Ende noch nicht feststehen, wenn Sie den ersten Satz niederschreiben?

 

Das Schreiben ist für mich kein Prozess der Konstruktion oder des bewussten logischen Denkens - wollte ich das begreiflich machen, so müsste ich vermutlich an meiner Unfähigkeit, es darzustellen, scheitern. Jeder Schriftsteller ist seinem individuellen schöpferischen Prozess unterworfen, der sich nur mühsam analysieren lässt. Inspiration allein wäre ein zu großes Wort, aber in einem bestimmten Stadium des Produzierens sehe ich die Dinge sich zwangsläufig entwickeln.

 

Trifft das auch auf die Gestalten zu: sind sie selbsttätig, autonom, unabhängig von Ihrem Willen als Autor?

 

Überwiegend. Die Romanfiguren erscheinen mir anfangs wie Schemen, die sich dann aber unversehens mit Leben zu füllen beginnen. Während des Schreibens lerne ich sie gleichsam erst richtig, auf jeden Fall: besser, kennen - sie entfalten ein Eigenleben, mit dem sie sich zunehmend der Beeinflussung durch mich, den Autor, entziehen. Schließlich lasse ich mich von ihnen, ihrer inneren Logik, beeinflussen, und es passiert sehr häufig, dass sich ihr Wesen, ihr Charakter ins Gegenteil wandelt, die mir zunächst sympathisch waren, werden im Laufe der Romanhandlung unsympathisch und umgekehrt. Oft weiß ich bei einer Figur auch, ich werde, so wie sie sich entwickelt hat, von der Kritik Prügel beziehen (so zum Beispiel in Eine Handvoll Himmel) - dennoch kann ich an ihr nichts ändern; dies geschähe wider mein besseres Wissen.

 

Wie lange dauert dieser Prozess der Niederschrift im allgemeinen?

 

Zwischen vier und fünf Monaten, je nach Umfang des Buches. In dieser Zeit lebe ich faktisch nur für und durch das Schreiben, bin im übrigen so gut wie nicht ansprechbar. Das Ganze stellt natürlich einen permanenten Stress dar - im Höchstfall schlafe ich sechs Stunden pro Nacht, sitze sonst pausenlos an der Schreibmaschine. Es ist nicht übertrieben, zu sagen: Mit jedem Buch kommt mir ein beträchtliches Stück Vitalität abhanden. Auch bei zufriedenstellendem Gelingen fühle ich mich nachher physisch so erschöpft, dass ich nicht einmal Genugtuung oder Erleichterung empfinden kann. Je mehr überdies ein Roman sich dem Ende nähert, um so mehr verstärkt sich die Spannung, die Hektik, der Drive nimmt fast unerträglich zu - denn, wie gesagt, auf Seite 400 kann der Ausgang noch völlig ungewiss sein. Es ist dies, das kann man als Autor einräumen, ein erheblicher Nachteil meiner speziellen Art zu schreiben.

 

Können Sie etwas über Ihren typischen Tagesablauf in diesen vier bis fünf Monaten sagen?

 

Ich schlafe bis in den späten Vormittag, gehe um 12 Uhr spazieren, beginne anschließend mit kurzen Unterbrechungen mit der Arbeit, schreibe im allgemeinen, je nach Tageskondition, bis Mitternacht, worauf ich, nach einer kurzen Pause, unter Umständen bis drei Uhr in der Frühe weitermache. Am nächsten Morgen - sprich: Vormittag - lese ich die am Vortag produzierten Seiten so kritisch wie möglich noch einmal durch - oder diskutiere sie mit meiner Frau - habe aber in der Regel das Gefühl: hier kann ich nicht mehr viel verbessern.

 

Kleine Scherzfrage am Rande - brauchen Sie, nach Klassikervorbild, faule Äpfel, soll heißen: stimulieren Sie sich zusätzlich beim Schreiben, wenn ja: womit?

 

In Arbeitsphasen rauche ich - leider - ziemlich viel. Früher konsumierte ich zahllose Flaschen Coca-Cola. Seit mein Magen sich dagegen auflehnte, begnüge ich mich mit Tonic Water und Bitter Lemon. Ob man in beiden Fällen von Stimulanzien reden kann, erscheint mir fraglich.

 

Gibt oder gab es Anregungen auch im weniger handgreiflichen Sinne, haben Sie literarische Vorbilder? Man nannte wohl gelegentlich angesichts Ihrer früheren Bücher Mailer und Hemingway.

 

Mailer habe ich erst später, das heißt nach Fertigstellung meiner einschlägigen Romane, kennengelernt, allenfalls Hemingway war zeitweilig von einer gewissen Bedeutung im Hinblick auf Alte Häuser sterben nicht. Im übrigen spielt Buchlektüre für meine eigene Arbeit seit langem keine Rolle mehr, und das unbefangene Leseerlebnis habe ich mir durch meine schriftstellerische Tätigkeit irgendwann verdorben. Heute achte ich hauptsächlich auf Arbeitsweise und Technik der betreffenden Autoren. Auch die eigenen Werke, sind sie einmal abgeschlossen, nehme ich nur noch in Ausnahmefällen zur Hand. Will ich mich heute erholen, so betätige ich mich als Zeitungs- oder Feuilletonleser oder, je nach Programm, als TV- Zuschauer. Über literarische Ereignisse unterrichte ich mich durch Fachzeitschriften.

 

Sie haben mehrfach Ihrer Skepsis Ausdruck gegeben, was die starke Betonung des Formalen in einem Großteil gegenwärtiger Literatur betrifft. Wörtlich lehnten Sie formale Experimente ab. Welchen Wert erkennen Sie allgemein der Form und stilistischen Erwägungen zu?

 

Für mich ist das Formale hauptsächlich eine Frage der Ökonomie. Die Erzählform eines Romans ergibt sich aus der jeweils angemessenen und optimalen Möglichkeit der Gestaltung. Romane, die beispielsweise in der Ich-Form geschrieben sind, konnte ich nicht anders bringen. Reine Experimente lehne ich für meine Person ab. Ich würde auch nicht wegen meiner Autoreneitelkeit ein formales Experiment riskieren, das dem Inhalt nicht gemäß ist. Die Aufgabe des zeitgenössischen Schriftstellers sehe ich nicht darin, für einen kleinen, exklusiven Kreis von Literaturkennern Bücher zu verfassen, sondern mit einer bestimmten Aussage möglichst breite Wirkung erzielen.

 

Die halten Sie also jedenfalls für möglich?

 

Ich glaube doch, bei aller kritischen Selbsteinschätzung, dass der Schriftsteller, wenn auch in einem bescheidenen Rahmen, ein größeres Einfühlungsvermögen für gewisse Probleme wecken kann. In seine Bücher verpackt er Botschaften, aber er verpackt sie eben, er tritt nicht mit erhobenem Zeigefinger auf - wenn er Lektionen erteilen kann, betrachtet er dies als zusätzlichen Effekt.

 

Welcher Art wären denn diese Botschaften, die Lektionen - können Sie sie ungefähr umschreiben?

 

Nun, bei mir ist es wohl jedesmal der Versuch, mehr Verständnis für Außenseiter zu wecken, für Leute, die ausbrechen, in Ausnahmesituationen geraten, irgendwie von der Norm abweichen - und damit möglichst auch verbreitete Verhaltensweisen ihnen gegenüber zu beeinflussen.

 

Wenn wir das ein bisschen verifizieren wollen: Das Frontschwein Steiner, das überall aneckt, Baako, der schwarze Sergeant, Schulberg, Lis in Maiglöckchen, Sabine in Archie Werner in Liebe ... - Helga in Eine Handvoll Himmel - sie sind tatsächlich, auf je verschiedene Weise, allesamt Outsider, Figuren am Rande der jeweiligen Gesellschaft. Und die anderen, die sie quasi zu sich herüberziehen, die Claires, Simones, Ruths, Katharinas, Roberts und Inges - sie sind die Ausbrechenden. Aber wie endet ihr Ausbruch - endet er nicht, fast immer, wo er begann - in der Resignation?

 

Ich würde darin keinen Einwand sehen: Die Resignation am Ende beinhaltet vielleicht die ehrlichste Kritik an der Gesellschaft. Auch der zustimmende Moralist, der die Rückkehr zur Norm erleichtert begrüßt, sollte nachdenklich werden. Wird er es nicht, so hätte er sich, erst recht, auch dann bestätigt gefühlt, wenn der Ausbrechende in der Gosse gelandet wäre. Es gibt heute allzu viele Bücher über Ausbrechende, die für diese selbst kein Rezept, geschweige Konzept zu bieten haben. An den Gegebenheiten ändere ich so nichts - wenn ich es aber, beispielsweise, schaffe, dass ein bürgerlicher Leser die Motive der Ruth (in Mittlere Reife) versteht, ist damit schon einiges gewonnen. Mich enttäuscht, dass intelligente Rezensenten meine Intentionen in dieser Richtung so selten erkannt haben - dass die Spießer sie nicht begreifen, berührt mich nicht. Die Realität unserer Gesellschaft ist die Resignation vor der Gesellschaft. Ich habe deshalb auch prinzipiell etwas gegen Happy Ends in Büchern.

 

Und doch gibt es einige bei Ihnen, seinerzeit in Gottes zweite Garnitur, jüngst im Roman Eine Handvoll Himmel...

 

Im Himmel ist es eigentlich kein Happy-End, der kritische Leser bleibt nachdenklich, ob Helga sich für den richtigen Mann entschieden hat. Und Gottes zweite Garnitur endet zwar nicht resignativ, dieser Schluss ist aber, gemessen an unserer deutschen Wirklichkeit, unrealistisch, wie ich heute selbstkritisch einräumen muss - ich habe das Buch gedanklich praktisch nicht zu Ende geführt. Die Realität ist noch längst nicht so weit, Außenseiter zu integrieren; denken Sie nur an das Gastarbeiterproblem.

 

Bei den vielen Versuchen der Abstoßung von der gängigen Norm ist es in Ihren Büchern sehr häufig die Ehe als Institution, die fragwürdig erscheint. Sie selbst leben nun schon fast ein Vierteljahrhundert in glücklicher Ehe, was also macht Sie so skeptisch?

 

Es handelt sich gegenwärtig meines Erachtens um eine grundlegende Umstellung des Denkens und der Wertbegriffe. Man kann, wenn alles andere in Zweifel gezogen wird, die Ehe nicht ausklammern. Ich persönlich bin froh, noch in eine Zeit hineingeboren zu sein, wo die Ehe als Institution betrachtet wurde, die in der Regel bleibenden Wert hatte. Andererseits gab es Ehen, die nur noch bestanden, weil es bisher zu schwierig war, sie relativ kurzfristig aufzulösen. Viele Ehen sind auch heute reine Zweckbündnisse - es ist für beide Teile oft nur eine Frage der Gelegenheiten, ob sie halten. Man wird das eines Tages noch viel emotionsloser und pragmatischer sehen. Eine gesetzliche Lockerung, wie sie jetzt erfolgt, scheint mir also kein Unglück, sondern eine nüchterne Konsequenz aus gegebenen Realitäten.

 

Ehe und Erotik - der Sprung ist nicht groß. Sie haben zu einer Zeit, als dazu in Deutschland noch Courage gehörte, Sexualität thematisiert, lange bevor es eine Sex- oder gar Pornowelle gab. Immer noch spürt man aber aus etlichen Kritiken heftige Abneigung gegen den Willi Heinrich mit den vielen Bettszenen heraus.

 

Nun, es wird ja in Wirklichkeit gar nicht so viel geschlafen in meinen Büchern, man sollte solche Szenen einmal in eine faire Relation zum Gesamtvolumen meiner Bücher setzen. Ist man aber erst einmal als so genannter Sexautor in Verruf geraten, suchen manche Rezensenten bemüht nach den gewissen Stellen. Das ist im Grunde nur noch komisch. Wenn ich meine Meinung hierzu kurz resümieren soll: Ich bin gegen die drei Pünktchen, für die ungeschminkte Darstellung auch im sexuellen Bereich. So habe ich auch die sexuelle Aufklärung des letzten Jahrzehnts begrüßt. Was ich ablehne, ist die Pornowelle, die den Spießern wieder ein Alibi dafür liefert, prinzipiell gegen die freimütige Darstellung von Sexualität zu Felde zu ziehen.

 

Welches sind für Sie die Merkmale der Pornographie?

 

Pornographie geht, aus Selbstzweck und überflüssigerweise, in anatomische Details - sie hat außerdem den Nachteil, gänzlich unerotisch zu sein. Wenn zu solchen detaillierten Ausmalungen noch Mut gehörte, wäre nichts dagegen einzuwenden. Entsprechende Bücher hatten ja mal ihre wichtige Funktion, wie die von Henry Miller, Lawrence oder Updike. Noch in den fünfziger Jahren definierte ein angesehener Kritiker meine ungeschminkte Wiedergabe bestimmter Wendungen der Landsersprache schlichtweg als Schweinereien. Heute provoziert das niemanden mehr, also liegt in der Pornographie für mich als Autor auch kein Anreiz mehr, sie den Lesern sozusagen um die moralischen Ohren zu hauen. Bemerkenswert für mich war die Erfahrung, dass viele Rezensenten die in meinen Bettszenen enthaltene Ironie überhaupt nicht zur Kenntnis nahmen. Dagegen ist man als Autor natürlich machtlos.

 

Sprechen wir zum Schluss noch ein wenig über die Leser Ihrer Bücher: die von Neigung und Interesse zur Lektüre gedrängten - sie zählen nach Millionen - und die professionellen, die Rezensenten. Da Sie Ihre Romane nicht für die Kritik, sondern für die Masse gewöhnlicher Sterblicher schreiben, zuerst zu diesen: Sie erhalten, wovon ich mich überzeugen konnte, eine große Zahl von Zuschriften, dankenden, begeisternden, aber auch solchen, die aus einem besonderen Vertrauen zu einem Lieblingsautor heraus, um Rat, Zuspruch oder, in bestimmten Fällen, direkt auch Unterstützung bitten. Der Schriftsteller als Lebenshelfer, fast schon Seelsorger - fühlen Sie sich da nicht ein wenig überfordert?

 

In schwierigen Fällen schon. Allerdings: Wenn ich meine Hauptaufgabe auch im Produzieren sehe, so bin ich für die mir oft zugedachte Nebenrolle dennoch dankbar. Ich gebe mir, wenn ich nicht gerade mitten in einer schwierigen Arbeit sitze, alle Mühe, jeden Brief so ausführlich und sorgfältig zu beantworten, wie er selbst geschrieben wurde. Ich bin darauf bedacht, als Autor meine Leser mit dem, was ich ihnen für ihr Geld biete, nicht zu enttäuschen - wenn sie mir darüber hinaus noch menschliches Vertrauen schenken, so empfinde ich das als zusätzliche Kommunikation, der ich nicht mit nichts sagenden Floskeln ausweichen möchte. Übrigens ist es mitunter erschütternd zu erleben, in welcher gesellschaftlichen Isolation viele Menschen heute und hierzulande dahinleben, wenn sie sich zu niemandem sonst auszusprechen getrauen als zu einem ihnen persönlich doch fremden Mann, der ihnen nur dank seiner Bücher das Gefühl vermittelt, ihm sei vieles Menschliche nicht fremd.

 

Doch immerhin auch ein sehr positiver Effekt Ihrer vorhin erwähnten Absicht, Verständnis verbreiten zu helfen für Außenseiterisches.

 

Gewiss

 

Nun noch zu den berufsmäßigen Lesern Ihrer Romane, den Kritikern und Rezensenten. Sie bekannten einmal: Ich bin kein Musterschüler der Kritik. Tatsächlich hat sie es Ihnen nie leicht gemacht. Wo sie Ihre Arbeit nicht kurzerhand ignorierte, fuhr sie teilweise schweres kritisches Geschütz auf. Gehen wir kurz einmal auf die Hauptvorwürfe ein. Da ist zum Beispiel die Rede von Klischees in Handlung und Wortschatz Ihrer Personen.

 

Diese Klischees sind die Klischees der Gesellschaft, in der wir leben; ich kann sie nicht ignorieren. Indem ich sie unreflektiert wiedergebe, führe ich sie wirksamer ad absurdum als durch gut gemeinte Belehrungen über ihre Oberflächlichkeit (ich denke da besonders an einen Roman wie Mittlere Reife). Außerdem: wie soll ich die Menschen hier und heute ansprechen, wenn nicht in der Sprache und in den Denkschablonen, die ihnen, meinetwegen andressiert, geläufig sind - die so genannten Klischees sind nun einmal Verhaltensweisen unserer Gesellschaft. Diese sich ihrer bewusst werden zu lassen, ist eines der vielen schriftstellerischen Anliegen.

 

Dann heißt es bei manchen Kritikern, Ihre sprachliche Gestaltung sei allzu konventionell, man nennt negativ kühles und routiniertes Schreiben, was positiv auch wieder als souveräne Beherrschung des Handwerks anerkannt wird.

 

Wenn sich die Kritik mit mir so schwer tut, so kann ich das nur bedauern. Zu ändern vermag ich es nicht. Ob konventionelle oder unkonventionelle sprachliche Gestaltung, ist für das Thema selbst von sekundärer Bedeutung. An Sprachartisten mangelt es uns, so mein Eindruck, hierzulande nicht. Eher an Autoren, die sich, ohne ihn zu langweilen, auch einem breiten Leserkreis verständlich machen können.

 

Ein anderer, häufig erhobener Einwand betrifft den Mangel an Reflexion über das Erzählen, das heißt, man wirft Ihnen vor, Sie glaubten zu unbefangen und naiv an die Möglichkeit, schlicht und von der Leber weg zu fabulieren, wo doch alle Verhältnisse heute sehr viel komplizierter und schwerer überschaubar seien.

 

Und dies ausgerechnet im Zeitalter der Massenmedien und einer Aufklärung, wie wir sie in der Vergangenheit niemals erlebt haben! Dieses Argument kann ich nicht akzeptieren. Und dass ursprüngliches Erzählen heute leicht mit naivem Erzählen verwechselt wird, dass die Verpackung manchem Kritiker noch wichtiger erscheint als der Inhalt, ist nicht mein persönliches Problem. Wer als Leser Musil oder Proust bevorzugt, ist mit meinen Büchern ohnedies falsch bedient. Sie sind nicht für Berufsintellektuelle geschrieben, sondern für Leser, die in einem Roman neben der bereits erwähnten Botschaft auch Zerstreuung und Unterhaltung suchen. Der großen Masse der Buchkonsumenten geht es weniger um sprachliche Gestaltung, um Ästhetik und was sonst noch an wesentlichen Kriterien die Hochliteratur von der Populärliteratur unterscheidet. Tatsächlich gibt es ja zwischen professionellen Lesern und solchen, denen das Buch primär zur Entspannung und Unterhaltung dient, so gut wie keine Kommunikation. Das Volk, um es einmal vereinfacht auszudrücken, wird von den Berufsintellektuellen schlichtweg allein gelassen. Literatur aber ist ein zu komplexer Begriff, als dass man ihm undifferenziert beikommen könnte. Im übrigen: Manchen Lesern meiner Bücher wird dort mehr reflektiert, als ihnen lieb ist. Sie fühlen sich durch meine Art, eine Geschichte zu erzählen, in ihrer Geduld nicht selten überfordert. Die in meinen Büchern angeschnittenen Themen und Probleme sprechen in der Regel für sich selbst. Die realistische Darstellung menschlicher Verhaltensweisen bedarf für den, der sie literarisch unbefangen konsumiert, keiner intellektuellen Gebrauchsanleitung oder Tiefenanalyse. Wer sich natürlich in einem Spiegel betrachtet und nicht selbst erkennt, dem ist so und so nicht zu helfen.

 

Viele Fehlurteile und Verdammungen bei den Rezensenten resultierten ja wohl lange auch aus der unzulässigen Pauschalabwertung einer unterhaltenden, für ein größeres Publikum bestimmten Gebrauchsliteratur - Hochliteratur galt bei uns allein als reputierlich und gesellschaftsfähig. Da hat sich in den letzten Jahren erfreulicherweise schon manches geändert - wenn es auch noch an adäquaten Wertmaßstäben fehlt. Immerhin fand der Romancier Willi Heinrich sich inzwischen auch mit etlichen positiven Kritikerprädikaten bedacht: Realistik, Milieuechtheit, Gegenwartsbezogenheit wurde Ihren Büchern bescheinigt, Ihnen aktuelles Problembewusstsein, der Verzicht auf die Flucht in Traumwelten, wie sie oft Anliegen der Unterhaltungsliteratur ist, attestiert. - Können Sie abschließend noch einmal knapp umreißen, worin Sie selbst das Spezifische, Besondere, womöglich Unterscheidende Ihrer Arbeit im größeren Zusammenhang vergleichbarer zeitgenössischer Produktion sehen?

 

Eine Frage, die sich nur subjektiv beantworten ließe und mehr literarisches Selbstbewusstsein voraussetzt, als ich mir persönlich anmaße, zumal in der Literatur immer wieder Produktionen in einen gemeinsamen Topf geworfen werden, die so gut wie nichts miteinander zu tun haben. Kein Kunstkritiker käme, beispielsweise, auf den Gedanken, Corinths Ostern am Walchensee an Klees Mildtropische Landschaft, oder Hekkels Kanal in Berlin an van de Veldes Strand von Scheveningen zu messen. Nur in der Literatur sind solche unpassenden Vergleiche an der Tagesordnung. Das Besondere an mir? Ich habe mich immer als ein Erzähler verstanden, dem es nur um das Erzählen geht, ohne Rücksicht auf literarische Kriterien, Ablehnung oder Zustimmung. Schreiben ist für mich ein Beruf wie jeder andere. Als Autor ist man nur etwas einsamer als die meisten Berufstätigen.

 

Heinz Puknus im Gespräch mit Willi Heinrich

 

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